Sozialsystem in Russland
Der Gang durch die Institutionen
Die Laufbahn eines Kindes, das in Russland im Alter von ca. vier Jahren von der Medizinisch-Psychologisch-Pädagogischen Kommission als "idiotisch", "imbezill" oder "debil" diagnostiziert wird, unterscheidet sich deutlich von der Laufbahn eines Kindes in Deutschland.
Eine medizinisch-psychologisch-pädgogische Kommission begutachtet die "kranken" Kinder im Alter von drei bis vier Jahren innerhalb weniger Stunden. Das Urteil dieser Kommission begleitet die Betroffenen meist ihr Leben lang. Der Gang durch die Anstalten ist somit vorbestimmt. Wer als "idiotisch" gilt, der wird im Alter von vier Jahren in ein Kinderheim-Internat eingewiesen, es sei denn die Eltern wollen oder können den Erziehungsauftrag behalten. Das ist jedoch äußerst selten der Fall, da sich die meisten mit dieser Aufgabe überfordert fühlen und das russische Sozialsystem dies in keiner Weise unterstützt. Die meisten Kinder werden auf Anraten des Arztes sowieso direkt an ein Säuglingsheim abgegeben. "Tun sie sich das nicht an. Machen sie sich nicht unglücklich mit einem solchen Kind!"
Hier endet auch meist der Kontakt zwischen den Eltern und den Kindern. Nur wenige Eltern haben die Kraft, ihre Kinder weiterhin in den Anstalten zu besuchen. Fast immer sind es nur die Mütter oder Omas.
Die Mitglieder von radost e.V. haben in einem solchen Kinderheim gearbeitet, in dem die als "krank" oder "ideotisch" eingestuften Kinder vom 4-18. Lebensjahr wohnen, in dem Kinderheim Nr.1 in Neu-Peterhof.
Im Alter von achtzehn Jahren erfolgt dann der Wechsel ins Erwachsenenheim, das Psycho-Neurologische Internat. In der Region St.Petersburg gibt es elf Kinderheim-Internate und neun Internate für Erwachsene. Man nennt sie alle einfach PNI - nur die Ziffer am Ende ist eine andere.